Kinder, die zum Spielball der Eltern werden

Wenn Kinder von geschiedenen Eltern ihren Vater nicht mehr sehen wollen, steht häufig die Mutter dahinter. Die Folgen sind für alle gravierend - und oft nicht wieder gutzumachen.

Von Ruth Eigenmann

Eigentlich hatte Paul immer ein gutes und inniges Verhältnis zu seinen beiden Kindern. Die Ehe allerdings war nie sehr glücklich. Irgendwann musste er einsehen, dass er auch den Kindern zuliebe nicht länger mit seiner Frau zusammenleben konnte, zu sehr hatten sie sich auseinander gelebt. Damit, dass er die inzwischen 12- und 14-jährigen Kinder mit dem Auszug verlieren würde, hatte er aber nicht gerechnet. Die Trennungszeit verlief sehr schwierig, die Kinder litten enorm. Es wurde vereinbart, dass er sie jedes zweite Wochenende sehen könne. Dazu aber kam es nicht.

Am ersten Besuchswochenende holte Paul die Kinder wie vereinbart ab, doch bereits im Auto sagten sie ihm unmissverständlich, dass sie nicht bei ihm übernachten wollten. Als Begründung gaben sie an, dass er so fies sei zu Mami. Zu einem weiteren Besuch kam es nicht mehr. Die Kinder teilten ihrem Vater per SMS mit, sie wollten ihn nicht mehr sehen, er zahle nicht genügend, lebe selber in Saus und Braus, das Mami aber müsse jeden Franken zweimal umdrehen.

Paul zahlt nach wie vor die gesamten Lebenskosten seiner Frau und der beiden gemeinsamen Kinder. Beide haben sich inzwischen einen Anwalt genommen, eine Trennungsvereinbarung ist aber noch nicht zu Stande gekommen.

Die Macht des Obhutsberechtigten

Fachleute sind sich einig: Der Ursprung der Ablehnung eines Elternteils ist meistens nicht beim Kind zu suchen. Kinder reagieren häufig abweisend auf Grund einer inneren Zerrissenheit, eines Loyalitätskonflikts, dem sie wegen der Trennung der Eltern ausgeliefert sind. Es sind nicht ausschliesslich die Mütter, die den Kontakt der Kinder vereiteln, doch da die Kinder nach der Scheidung in der Regel bei den Müttern bleiben, hängt die Vater-Kind-Beziehung sehr stark von ihnen ab.

So sagte der fünfjährige Luca auf die Frage seines Vaters, warum er nicht, wie vereinbart, angerufen habe: «Ich wollte schon, doch Mama hat gesagt, das würde mich nur wieder verwirren.»

Ganz besonders schwierig wird es für Kinder, wenn der Elternteil, bei dem sie leben, ständig schlecht über den anderen spricht, ihn beispielsweise als Lügner oder verantwortungslos bezeichnet. Oder wenn den Kindern immer wieder gesagt wird, dass es schliesslich der Vater sei, der sie verlassen habe. Kinder solidarisieren sich nicht freiwillig mit dem einen Elternteil, sie tun dies oft aus einer inneren Notlage heraus, und weil sie Angst haben, auch noch vom anderen Elternteil verlassen zu werden. Wer geht, der verlässt.

Die Ausgrenzung des anderen

Paul versuchte mehrmals, mit seiner Frau über diese unglückliche Entwicklung zu sprechen - immer vergeblich. Ihre Antwort war kurz, aber unmissverständlich: «Du hast uns verlassen, es war dein Wunsch zu gehen. Wenn die Kinder nicht zu dir wollen, ist das dein Problem. Damit habe ich nichts zu tun, regle es mit ihnen direkt.» Doch genau das kann er nicht, weil die Kinder ihn längst als angeblich bösen Vater abgestempelt haben. Die Frau von Paul wollte die Trennung nicht, empfand die Ehe nicht als zerrüttet. Wäre es nach ihr gegangen, hätte alles beim Alten bleiben können. Pauls Auszug hat sie sehr verletzt.

Will eine Mutter wirklich im Sinne des Kindswohls handeln, muss sie die Kinder aktiv ermuntern und unterstützen, ihren Vater zu besuchen - unabhängig von ihrem Schmerz und ihrer Wut. Pauls Frau tut dies nicht, sondern überlässt es vordergründig den Kindern, aktiv zu werden. Tun sie dies aber, laufen sie Gefahr, gegen den Willen ihrer Mutter zu handeln. Die Kinder werden somit zum Spielball. Oft sind sie das einzige «Mittel», das Frauen einsetzen können, um der eigenen Frustration Ausdruck zu verleihen.

Diesen Prozess der programmierten Entfremdung des einen Elternteils bzw. der kompromisslosen Zuwendung des Kindes zum «guten» Elternteil wird in der Fachwelt Parental Alienation Syndrome (PAS) genannt. Dass diese Art von Machtmissbrauch in der Schweiz noch nicht unter dem Namen PAS bekannt ist - wie in Deutschland und Amerika -, soll nicht heissen, dass es diese Weise von Eltern-Kind-Entfremdung bei uns nicht gibt. In der Schweiz sind vor allem Männer davon betroffen: Unter dem neuem Scheidungsrecht bleiben die Kinder mehrheitlich bei der Mutter. In der Regel geschieht der Kontaktabbruch dabei nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. So ist das Kind beispielsweise öfters krank und kann nicht kommen, oder Termine werden verschoben, aber nie nachgeholt. Jede andere Beschäftigung scheint wichtiger als die Vater-Kind-Beziehung.

Fatale Folgen negativer Gefühle

Die Art, wie die Trennung der Eltern verläuft, trägt massgeblich dazu bei, wie das weitere Kind-Vater- und Kind-Mutter-Verhältnis sein wird. Begegnen sich Vater und Mutter nach der Trennung immer noch voller negativer Gefühle, so bedeutet dies für viele Väter, dass sie praktisch machtlos mitansehen müssen, wie die Kinder ihre ganze Liebe und Zuneigung dem betreuenden Elternteil - meist eben der Mutter - entgegenbringen.

Der amerikanische Kinderpsychiater und PAS-Experte Richard A. Gardner spricht davon, dass das PAS eine Form des Missbrauchs von Empfindungen sei. Die Kinder weisen den Elternteil ab, mit dem sie nicht zusammenleben und der sie nur besucht. Sie sehen darin oft nichts Schlechtes und finden ihr Verhalten auch nicht falsch, denn damit sichern sie sich die uneingeschränkte Liebe und Zuwendung des anderen Elternteils.

Kinder aber brauchen beide Elternteile für eine kindergerechte und gesunde psychische und physische Entwicklung. Das ist wissenschaftlich längst erwiesen. «Die Ablehnung von Vater oder Mutter ohne triftigen Grund ist den Bedürfnissen eines jeden Kindes diametral entgegengesetzt», schreibt die Psychologin und PAS-Spezialistin Ursula Kodjoe. Sie hat festgestellt, dass sich Kinder aus einem Sicherheitsbedürfnis und aus Abhängigkeitsgründen auf die Seite des Elternteils stellen, mit dem sie zusammenleben. In fast 90 Prozent der Fälle ist dies die Mutter.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Mütter, die ihre Kinder gegen den Vater «programmieren», dies in erster Linie aus der Angst tun, auch noch die Liebe der Kinder zu verlieren. Ihre Wut auf den früheren Partner und die erlebte Enttäuschung lässt nicht nach, deshalb äussern sie sich auch lange nach der Trennung negativ und abschätzend über diesen. Sie instrumentalisieren die gemeinsamen Kinder in dieser - ihrer - Form von Rache.

Ausgeblendete, schöne Erlebnisse

Nach langem Hin und Her und mit Druck seitens des Anwalts konnte Paul schliesslich im Frühling mit seinen zwei Kindern eine Woche in die Ferien fahren. Wäre es nicht dazugekommen, hätte er sich ans Jugendamt wenden müssen.

Die ersten zwei Tage der gemeinsamen Ferien beschreibt er als schwierig. Dann aber habe sich eine vertraute, lockere Atmosphäre eingestellt und sie hätten eine wirklich schöne Zeit zusammen verlebt. Dennoch bewirkten diese gemeinsamen Erlebnisse keine Änderung bei den Kindern. Bereits beim nächsten Besuchswochenende weigerten sie sich von neuem, zu ihm zu kommen. Die Tochter begründete ihren Stimmungswechsel damit, dass das Mami mit ihnen nicht in die Ferien könne, weil er alles Geld für sich behalte.

Die beiden Kinder von Paul zeigen Symptome des PAS-Syndroms: die fast vollständige Ausblendung schöner gemeinsamer Erlebnisse mit dem Vater. Sie verhalten sich so, als hätten diese nie stattgefunden. Die Kinder stempeln den Vater ohne Hemmungen und ohne Schuldgefühle zur Unperson ab.

Paul wollte dies nicht einfach so hinnehmen und wandte sich deshalb an eine Familienberatungsstelle. Danach wurde auf seinen Druck eine «Familiensitzung» bei einer Familientherapeutin einberufen. Doch auch dieser Schritt brachte keine Änderung. Die Kinder sassen völlig teilnahmslos am Tisch, spielten mit dem Natel und sahen den Sinn der «Übung» nicht ein. Die Mutter fühlte sich nicht zuständig für Pauls Problem: Sie könne die Kinder nicht zwingen, ihn zu besuchen, sagte sie. Der Therapeutin gelang es nicht, mit den Kindern alleine zu sprechen, sie verweigerten sich ihr ebenfalls.

Kinder handeln so, wenn sie die Freiheit nicht mehr haben, beide Elternteile gleichermassen zu lieben. Eine solche massive Einschränkung ihrer Persönlichkeitsentwicklung kann aber nie mit dem Argument «dem Kind zuliebe» gerechtfertigt werden.

Irreversible Störungen

Eine repräsentative Langzeitstudie aus Norddeutschland kommt zu erschütternden Ergebnissen: Solche «Ausschliessungsprozesse» des nicht sorgerechtsberechtigten Elternteils führten höchstwahrscheinlich zu scheidungsbedingten irreversiblen Störungen. Die Folge davon sei, dass die meisten der betroffenen Kinder im Erwachsenenalter Mühe - oftmals auch eine Unfähigkeit - bekundeten, ihren Alltag zu bewältigen. Mit diesen Schwierigkeiten seien häufig auch Alkoholprobleme und Kriminalität verbunden. Die Autorin der Studie, die Jugend- und Familiensoziologin Anneke Napp-Peters, kommt zum Schluss: «Als gesellschaftliches Massenphänomen ist die Scheidung - und sind vor allem die Scheidungsfolgen - heute kein privates Problem mehr.»

Auf Grund ihrer Forschungsergebnisse sagt die Soziologin weiter: «Die festgestellten langfristigen Folgen der Scheidung erfordern auch langfristige Lösungen und sind nicht durch eine einmalige Beratung zu beheben.» Vielmehr sei es notwendig, ein langfristig angelegtes Beratungskonzept für Scheidungsfamilien zu entwickeln.

Wenn der Richter im Streitfall das Sorgerecht schon einem Elternteil alleine zuteilen muss, so sollte er dies verantwortungsvoll tun. Konkret bedeutet dies, dass er die Eignungskriterien genau überprüfen muss. Dazu gehört auch sicherzustellen, dass der betreuende Elternteil den anderen nicht vom Umgang mit dem Kind ausschliesst, sondern die Kinder im Gegenteil motiviert, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Kinder haben ein Recht auf Vater und Mutter und wollen diese gleichermassen lieben können.

Anneke Napp-Peters empfiehlt als beste Suchtprophylaxe und als Rezept gegen Kriminalität und Alkohol, das Elternmanipulationsmodell aufzugeben, die Ausschliessung des anderen Elternteils zu vermeiden oder frühzeitig zu unterbinden und die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall werden zu lassen. Dies bedeutet, dass die Kinder beim Vater nicht einfach zu Besuch sind, sondern dass sie einen Teil ihres Alltags mit ihm leben. Für das Kind sei es heilsam, in diesem Prozess zu wissen, dass es weiterhin sowohl Vater wie Mutter hat und diese auch haben und lieben darf. Viele der in der erwähnten Studie befragten und mittlerweile erwachsenen Kinder schworen sich, dass sie ihren Kindern nie antun würden, was ihre Eltern ihnen angetan haben.

Die fehlende Barbiepuppe

Fachleute appellieren an die Verantwortung des sich trennenden Paares, das sich ja «nur» als Liebespaar, nicht aber als Elternpaar trennt. Sind die Eltern dazu nicht in der Lage, sollen Richterinnen und Richter Nischen schaffen, die die Kinder brauchen, und bestimmen, dass sie Vater oder Mutter besuchen müssen, fordert die Psychologin Ursula Kodjoe. Entscheidet dies der Richter als aussen stehende Person, können die Kinder den verschmähten Elternteil unter dem Vorwand besuchen, dies tun zu müssen. Somit werden sie nicht zu «Verrätern».

Dies ist ganz wichtig, damit es nicht so weit kommt wie bei der 9-jährigen Sarah, die partout nicht mehr zu ihrem Vater wollte. Ihre vordergründige Erklärung lautete: «Weil es bei Papi keine Barbiepuppe hat.»

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Informationen und Adressen

Bücher:

Anneke Napp-Peters: Familien nach der Scheidung. Verlag Antje Kunstmann,1995. ISBN 3-88897-159-4

Karin Jäckel: Der gebrauchte Mann, abgeliebt und abgezockt - Väter nach der Trennung. d tv premium München, 1997. ISBN 3-423-15103-X

Links:

www.igm.ch

www.vev.ch

www.papa-help.ch

www.vaeterfuerkinder.de

Adressen:

Verein verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter, VeV Zürich, Ost- und Zentralschweiz, Postfach, 8026 Zürich, Tel. 01 363 19 78

Interessengemeinschaft geschiedener u. getrennt lebender Männer. Die IGM betreut Männer vor, während und nach der Scheidung. IGM Zentralsekretariat, Postfach 182, 5018 Erlinsbach, Tel. 0900 57 5218

Quelle: Tages-Anzeiger, Zürich, 7. Februar 2003